Musik kennt keine Grenzen: Wie zwei „Tscheber Buben“ sich gefunden haben und über zwei Kontinente hinweg miteinander musizieren

Tscheb an der Donau, 1940. In dem schönen Dorf in der Batschka erblickten Julius Matteis
und Franz Baumstark das Licht der Welt. Doch es mussten Jahrzehnte vergehen, bis sich
ihre Wege kreuzten.

Julius (Jula) Matteis wurde am 11. September 1940 in der Letzten Gasse 295 geboren. Wegen
der heranrückenden russischen Armee flüchtete seine Familie am 12. Oktober 1944 mit dem
Tscheber Treck. Wie viele andere Tscheber kamen auch sie nach Schlesien. Nach dem Krieg
landeten sie in Raunertshofen bei Neu-Ulm, und 1950 ging es weiter nach Lyon/Frankreich, wo der Vater Arbeit als Spengler fand. Mit zehn Jahren bat Julius ihn um ein Klavier. Stattdessen gab es eine Mundharmonika – und sein Vater brachte ihm bei, wie man sie spielt. 1951 wanderte die Familie schließlich nach Windsor/Canada aus. Während seiner Schulzeit spielte Julius Klarinette in einer Blaskapelle und Fagott im Jugendorchester. Seine Tätigkeit als Lehrbeauftragter brachte ihn an das St. Clair College für Angewandte Kunst und Technologie und später nach Asien, wo er an Universitäten in China, Hongkong und Taiwan unterrichtete.

Nach dem Tod seiner Mutter 2016 entstand zwischen Julius und Elfriede ein reger E-mail-
Austausch. Sie schlug ihm vor, zu dem „Tscheber Bub“ Franz in Australien Kontakt
aufzunehmen. Er wäre in Tscheb sein Schulkamerad geworden. Julius ist noch sehr reiselustig. Die für 2020 geplante Europa-Reise mit seiner Frau war wegen Covid 19 leider nicht möglich – Elfriede hatte schon überlegt, welchen Tscheber Kuchen sie dem angekündigten Besuch backen wollte! Für 2021 hat Julius wieder eine Reise nach China geplant und hofft, von dort aus endlich seinen Freund Franz Baumstark in Australien besuchen zu können.

Franz Baumstark wurde am 22. September 1940 in der Hauptgasse geboren. Seine Mutter
entschloss sich ebenfalls am 12. Oktober 1944 zur Flucht mit zwei Kindern mit dem Tscheber
Treck bis Schlesien. Danach ging die Familie nach Oberösterreich. Dort schnitze sich Franz als junger Bub mit einem Taschenmesser ein „Pfeiferl“ und entlockte ihm erste Töne. Nach einer Weile war seine Mutter des Pfeifens müde und schenkte ihm eine einfache kleine
Mundharmonika, auf der er gerne musizierte. Nach dem Tod seiner Mutter ging Franz nach
Graz, von wo er mit 18 Jahren nach Melbourne/Australien auswanderte. Vor etwa zehn Jahren ist er im Internet auf die Tscheber Website gestoßen, wodurch sich für ihn eine Tür in die Vergangenheit, aber auch in die Gegenwart öffnete. Lange Zeit glaubte Franz nämlich, auf dieser Welt keine Verwandten mehr zu haben. Durch den regen schriftlichen Austausch mit der damaligen Redaktion der HOG sollte sich das ändern. Elfriede Korol erinnerte sich an einen im Heimatbrief 2008 veröffentlichten Artikel über Theresia Reiser geb. Zeiner und forschte nach. So fand Franz seine geliebte Cousine Theresia wieder und konnte sie 2016 bei dem Tscheber Heimatortstreffen in Reutlingen überglücklich in die Arme schließen. Auf diesem Weg fand Franz auch einen digitalen Tscheber Freund gleichen Jahrgangs in Canada – Julius Matteis, mit dem ihn neben der Herkunft auch die Liebe zum Mundharmonikaspiel verbindet.

Ihre ereignisreichen Lebensläufe haben die beiden nachstehend für die Leser*innen des
Tscheber Heimatbriefes aufgeschrieben:

März 2020 in Guangzhou/China

Julius Matteis – Von Tscheb nach Windsor/Canada – Guangzhou/China

Meine Eltern waren Nickolaus Matteis *am 13.11.1912 in Tscheb und Anna Matteis
(geborene Tiefenbach) *am 01.10.1920 in Tscheb. Ich, Julius Matteis, wurde am 11.
September 1940 im Haus meiner Mutter in Tscheb geboren. Die Großeltern Nick und
Theresia Stock teilten dieses Haus mit uns sowie zwei Tanten: Resi und Lenka.
Am 12. Oktober 1944 flüchtete meine Familie mit sieben Verwandten mit dem Tscheber
Treck auf einem Traktor und drei Waggons vor der herannahenden russischen Armee. Auf
den beiden ersten saßen 9 Personen eng beieinander und auf dem dritten war der Treibstoff
verladen. Leider hatte der vom Taufpaten meines Vaters, Joseph Strauss, geliehene Traktor
schon bald ein Leck im Kühler, sodass wir ihn dann, als wir bei Sombor die Donau erreichten,
stehen lassen mussten. Unsere kleine Flüchtlingsgruppe nahm nun einen Zug nach Norden.
Die Familie versuchte in Wien zu bleiben, doch niemand durfte aus dem Zug aussteigen, weil
Wien bereits mit Flüchtlingen überfüllt war. Wie viele andere Tscheber kamen auch sie dann
nach Schlesien. Bereits im Januar 1945 kam die russische Front auch dort näher und wir
mussten Schlesien wieder verlassen, sind in Raunertshofen bei Neu-Ulm gelandet.
Im Herbst 1950 zogen wir nach Lyon, Frankreich, wo mein Vater einen besseren Job als
Blechschmied fand. Während ich in Frankreich war, bat ich meinen Vater um ein Klavier,
erhielt aber stattdessen eine kleine Mundharmonika. Aber mein Vater hat mir beigebracht,
wie man sie spielt. Ein Jahr später sponserte uns der Bruder meines Vaters, Joseph Matteis, der 1929 nach Canada ausgewandert war, die Reise nach Windsor/Canada und wir wanderten aus. Natürlich war der Anfang in Canada schwer für meine Eltern, aber für mich war das eine schöne Zeit, ein Abenteuer: Neue Schule, neue Spielkameraden, neue Sprache! Während meiner Schulzeit spielte ich Klarinette in der Blaskapelle und Fagott in der Juniorensinfonie. Nach meinem Master-Abschluss (University of Windsor) arbeitete ich als English Lehrer und dann als Abteilungsleiter am St. Clair College, Windsor. Zwischen 1988 und 1999 nahm ich an Schulungsprogrammen in Chengdu und Qinhuangdao/China, teil. Am schönsten waren meine letzten 20 Jahre, in denen ich als Gastprofessor (Royal Roads University) mehrere MBA-Kurse in China, Hong Kong, Taiwan und Malaysia unterrichtete.
Während meiner Arbeit in China traf ich eine wundervolle Chinesin (Ya Ping) und wir
heirateten im Jahr 2000. In den letzten 20 Jahren haben wir jedes Jahr 3 oder 4 Monate damit
verbracht, China und Ya Pings Seite der Familie zu besuchen.

Viele unserer Freunde in Canada fliegen über den Winter nach Süden, aber wir sind nach
Südchina geflogen, um den kalten Wintern in Kanada zu entkommen. Der Tod meiner Mutter im Jahr 2016 brachte mich in Kontakt mit Elfriede Korol und in einer ihrer E-Mails schlug sie vor, dass ich vielleicht Kontakt mit einem anderen Tscheber aufnehmen möchte, einem in Australien lebenden englischsprechenden Mann. (Danke Elfriede!) Deshalb habe ich Kontakt mit Franz Baumstark aufgenommen und freue mich sagen zu können, dass wir gute Freunde geworden sind und häufig über das Internet kommunizieren. Es ist so einfach, mit jemandem befreundet zu sein, der die eigenen Interessen, Kultur, Werte und Sprache teilt. Ich bin froh, dass es möglich ist, gute Freunde auf der ganzen Welt zu haben. Ruhestand bedeutet nicht, dass wir isoliert und vergessen leben müssen, wenn wir Zugang zum Internet und zu Kommunikations-Apps wie WeChat oder WhatsApp haben. Was für eine angenehme Überraschung war es für mich zu erfahren, dass Franz aus meinem Geburtsort stammt und wir beide September-Kinder sind. Wenn der Krieg nicht stattgefunden hätte, wären Franz und ich im selben Klassenzimmer in Tscheb gesessen, wahrscheinlich die besten Freunde geworden. Und dann im Wettbewerb um die schönsten Mädchen des Dorfes gestanden.

Unsere ersten E-Mails waren eher höflich und neugierig: Erzähl mir von dir… Welche Art
von Arbeit hast du vor der Pensionierung geleistet? Wie bist du nach Australien gekommen?
Etc. Die nächste angenehme Überraschung für mich war zu hören, dass wir beide im Lehrberuf tätig waren und dass wir unsere Berufung, unsere Daseinsberechtigung, darin fanden, anderen zu helfen und sie zu führen. Der Erfolg unserer vielen Studenten hat uns viele Möglichkeiten gegeben, uns über unsere Arbeit glücklich und stolz auf ihre Leistungen zu fühlen. Wir hatten beide ein großes Interesse an unseren Schülern – nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch als Menschen. Einige Studenten sind tatsächlich persönliche Freunde geworden. Ich kann sagen, dass Franz und ich beide glücklich und stolz auf unsere Familien sind und hart gearbeitet haben, um unseren Kindern ein sicheres und liebevolles Umfeld zu bieten. Wir haben beide einen Sinn für Humor, der es uns ermöglicht, Witze, Cartoons, Videos und Kurzgeschichten im Internet auszutauschen. Eines Tages erwähnte Franz, dass er beim Autofahren gerne deutsche Volksmusik hört und gerne Mundharmonika spielt. Eine weitere große Überraschung! Ich auch. Ich habe eine „Spitzenreiter“-CD in meinem Auto in Canada und viele schöne Erinnerungen daran, wie ich mit meinem Vater im Garten gesessen und wir verschiedene Lieder auf unseren Mundharmonikas gespielt haben.
Eines Tages bat ich Franz, per WhatsApp ein Lied für mich auf seiner Mundharmonika zu
spielen. Dann überraschte ich ihn, holte meine eigene Mundharmonika hervor und wir teilten unser Hobby. Tatsächlich spielten wir zusammen „Du, du liegst mir im Herzen“. Ein
„Tscheber Bub“ in Australien und einer in China. Was für eine große Freude und einzigartige
Erfahrung!

Das nächste aufregende Ding wäre, Franz und seine Familie in Australien zu treffen und
einen musikalischen Nachmittag zu haben. Wenn Gott will, wird dieser glückliche Anlass bei
unserer nächsten Reise nach China im Jahr 2021 möglich sein, gefolgt von „einem
Seitensprung nach Australien“. Manche Menschen langweilen sich im Ruhestand. Mit unserer modernen Technologie kann es dennoch spannend sein und viele Möglichkeiten bieten, überall auf der Welt in Verbindung zu treten oder mit guten Menschen in Verbindung zu bleiben. Franz und ich haben es getan!
Julius Matteis – Guangzhou/China im März 2020 / Windsor/Canada im Oktober 2020

Franz Baumstark – Von Tscheb nach Melbourne/Australien


Tscheb – 22. September 1940. Der Sommer ist zu Ende. Mein Vater, Franz Baumstark, eilt mit schnellen Schritten die Hauptgasse entlang. Es ist das vierte Mal, dass er diesen Weg geht, um die Hebamme zu holen. Es wird wohl das letzte Mal sein, denn vier sind genug, sagt man. Es wird ein Sonntagskind werden und er soll Franz heißen. Ich wurde am 22. September 1940 in der Hauptgasse in Tscheb als Sohn der Eheleute Franz Baumstark *am 30.03.1904 und Eva geb. Ferger *am 28.06.1908 geboren. Vier Jahre war es mir vergönnt, in dem Haus in Tscheb zu wohnen, welches meine Eltern gebaut hatten. Ich war damals ein kleiner Bub und kann mich kaum noch daran erinnern. Aber ein Bild von unserem Hof und Stall ist mir heute noch vor Augen. In diesem Stall war ich einmal zu nah hinter der Kuh. Als sie ausschlug flog ich durch die Luft. Und eine weitere Erinnerung: Vom Hof ging ein großes Tor auf die Straße. Mein Vater hatte Ross und Wagen, war Fuhrmann. Wenn der Tag zu Ende ging, kletterte ich auf das Tor und konnte kaum erwarten, meines Vaters Pferd ankommen zu sehen. Ich rannte ihm entgegen und Vater musste das Pferd festhalten, damit ich nicht unter die Hufe renne.
Im Jahre 1944 kam mein Vater nach Russland. Mein Bruder, *1928, musste mit 16 Jahren
auch dem Ruf folgen. Im Oktober 1944 schloss sich meine Mutter mit meiner 6jährigen
Schwester Eva und mir mit Ross und Wagen dem Tscheber Treck an. Ich erinnere mich, wie
wir beide hoch oben im Wagen auf der Wäsche lagen und sahen, wie am Vorderwagen ein
Weidling an einer Schnur baumelte. Meine Oma Katharina Ferger blieb in Tscheb zurück und
kam in ein Lager. In der Stadt Radkersburg in der Süd-Steiermark – so hat man mir erzählt –
übernahm das Militär unser Pferd und unseren Wagen und wir fuhren mit dem Zug nach
Schlesien. Doch bald mussten wir auch hier wieder weggehen. Meine Mutter fuhr deshalb mit uns nach Oberösterreich. Sie hatte erfahren, dass ihre Schwester Anna Horvath mit Familie dort sei. Bei einer gutherzigen Bauersfamilie in Rutzenmoos, einem Ort zwischen dem Attersee und dem Traunsee im Salzkammergut, fanden wir Aufnahme. Es war ein Geschenk für den kleinen Flüchtlingsbuben Franz, umgeben von Wiesen, Wald, Bäche, Seen und Bergen in so schöner Natur zu leben. Das Idyll währte vier Jahre. Die schlichte Art und der Fleiß dieser frommen Familie sollten mein Leben prägen.

Dass ich Mundharmonika spiele geht auf diese Zeit in meiner Kindheit zurück. Ich hatte mit
sechs Jahren ein Taschenmesser, so wie das bei Buben auf dem Land üblich ist. Mit diesem
Taschenmesser habe ich mir aus einem Zweig ‚ein Pfeiferl‘ geschnitzt. Ich glaube das Pfeifen
war für meine Mutter nach einer Weile zu viel und so bekam ich eine kleine einfache
Mundharmonika. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich sie hatte. Ich nehme an, nach
einer Weile verlor ich das Interesse an ihr.

1949 zog es meine Mutter nach Graz in der Steiermark zu ihrer Mutter und ihren Brüdern.
Franz und Stephan Ferger. Nach Ende des Krieges hatten sie sich dort nach der Lagerzeit der
Mutter und dem Kriegseinsatz der Brüder wiedergefunden. Hier wohnte ich 11 Jahre. Meine
Mutter fand Arbeit, arbeitete sehr viel und sparte. Nach fünf Jahren konnte sie ein Grundstück kaufen. Ein Haus sollte gebaut werden. Ich hatte einen Lehrplatz als Mechaniker gefunden. Doch es zogen bereits dunkle Wolken über unsere Familie. Der Vater war 1946 in Russland gestorben. Die Mutter jetzt schwerkrank. Als auch sie 1955 starb stürzte für mich meine Welt ein. Mit 15 Jahren war ich Vollwaise, verzweifelt, ging nicht mehr zur Arbeit. Meine Tante erfuhr davon und kam nach Wochen aus Oberösterreich. Ihre Hilfe sollte für mich lebensentscheidend werden. Sie hatte für mich in Attnang-Puchheim eine andere Lehrstelle gefunden. Bei meinem 27jährigen, verheirateten Bruder, der im
Nachbarort von Tante Anna wohnte, fand ich Aufnahme nach diesem schweren
Schicksalsschlag. Ihm und seiner Frau Magdalena gilt mein ewiger Dank.

Auswanderung nach Australien im März 1960
Es kam die Zeit, in der Australien Einwanderungswillige suchte. Ich sah im Kino darüber
einen Bildervortrag. Das ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Inzwischen hatte ich den Beruf
als Automechaniker erlernt. Mit 19 Jahren las ich in der Grazer Zeitung ein Inserat mit dem
Aufruf, in das Zukunftsland zu kommen. Ich bewarb sich, besuchte ab sofort die
Abendschule, um Englisch zu lernen. Das war Ende 1959. Im März 1960 saß ich mit vielen
erwartungsvollen Menschen im Zug von Salzburg nach Genua. In einer Kabine mit
Stockbetten für 10 Männer begann die Schiffsreise von Genua nach Melbourne. Nach vier
Wochen kamen wir Männer als Freunde dort an. Einer von uns kannte in Melbourne
jemanden aus seinem Dorf, der ein Restaurant hatte und Zimmer vermietete. Hier bekam ich
meine erste Unterkunft mit Kost und Logis. Ich fand Freunde, die Erfahrung im neuen Land
hatten. Innerhalb einer Woche bekam ich Arbeit. Als ein neuer Kollege in den Betrieb kam, in dem ich arbeitete, ging ich zu ihm hin und begrüßte ihn. Er war aus Hamburg gekommen, hieß Uwe Mattern und wurde ein lebenslanger Freund. Nach einigen Wochen sagte er zu mir, dass in seiner Nachbarschaft eine Familie aus Dresden wohne, die eine 19jährige Tochter hätte. ‚Komm zu mir Franz, ich stelle dich vor‘, sagte dieser junge Mann. Mir begegnete dort ein sehr liebes hübsches Mädchen! Ich konnte mein Glück kaum fassen, als Monika mit mir an meinem 21. Geburtstag ins Kino ging“.

Drei Jahre später, im Jahre 1964, haben wir geheiratet. Ein Jahr später kam unsere Tochter
Heidemarie zur Welt. Meine Frau Monika gab ihre Arbeit bei einer australischen Luftlinie in
Melbourne im Head Office auf, um ganz für die Familie da zu sein. Franz: Ich wollte mehr
Geld verdienen, machte viele Überstunden, arbeitete zusätzlich an Wochenenden, installierte
und reparierte Maschinen. Das sollte mir später von großem Nutzen sein. Nach drei Jahren kauften wir uns ein Haus und hatten ein zweites Mädchen, Rosemarie. Es war eine
wunderschöne Zeit für die junge Familie.

Als ich 30 Jahre alt wurde entschloss ich mich, wieder zur Abendschule zu gehen, hatte
ehrgeizige Pläne. Dreimal in der Woche zur Abendschule auf der Swinburne University über
fünf Jahre führten zum Diplom in Maschinenbau. Ausgestattet mit guter praktischer
Erfahrung und Ausbildung in automatischen Maschinen fand ich Arbeit als Chef-Ingenieur.
Nach zwei weiteren Jahren suchte ich einen Weg, mich mehr zu entfalten, insbesondere mit
Anwendung der Mathematik. Durch mein Studium hatte ich‚ das Wunder und die Schönheit
der Mathematik‘ entdeckt. Am Anfang meines neuen Studiums nahm ich zwei Jahre
Privatunterricht bei einem Lehrer, um den geforderten Wissensstandard aufzuholen.
Nach dem Erwerb der australischen Staatsbürgerschaft studierte ich für ein Diplom im
Lehrberuf und wurde Lehrer im Fach Maschinenbau, konnte meine Erfahrungen in Theorie
und Praxis, an Menschen weitergeben, studierte Bildungsverwaltung. Später übernahm ich als erfahrener Lehrer die Ausbildung für Lehrer, die sich im Maschinenbau spezialisieren
wollten. Dadurch bekam ich Freunde aus Indonesien, Malaysia, Sambia, Neu Guinea und
Nepal, die ich auch in unser Haus einlud. Für mich war es eine Ehre, Mitglied der
Prüfungskommission zu werden. Mit 55 Jahren musste ich aus gesundheitlichen Gründen abrupt meine Arbeit niederlegen. Als die Töchter verheiratet waren, konnten Monika und ich reisen und Länder besuchen, von denen der Tscheber Bub nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Dreimal war es mir vergönnt, das Tscheber Heimatortstreffen in Reutlingen zu besuchen. Das erste Mal 1988 mit meinem Bruder Nikolaus. Das zweite Mal 2008 mit meiner Frau Monika und ein drittes Mal 2015 allein – nach Rückkehr meiner Tschebreise.

Monikas Eltern haben uns eine Mundharmonika hinterlassen, auf der ich in den letzten
Jahren hin und wieder spielte. Vor zwei Jahren kaufte ich mir endlich selbst zwei
Mundharmonikas und Monika bekam ihre wieder zurück. Es ist für mich ein Vergnügen Mundharmonika zu spielen, denn ich improvisiere – ganz ohne Ziel oder Struktur. Es kann sein, dass ein Zuhörer schwungvollen Klängen, aber auch gelegentlich einer melancholischen Melodie lauschen kann. So wie ich mich gerade fühle. Es ist die Zeit, in der ich mich ganz dem Moment hingeben kann und vollkommen in Frieden mit mir bin. Dabei sitze ich nahe am Fenster und mein Blick folgt den am Himmel vorbeiziehenden Wolken. Mein Innerstes lasse ich gleichfalls dahinschweben. Die Welt ist unkompliziert und schön. So kann ich sagen: Musik befreit, Musik beruhigt, Musik bereichert und inspiriert. Julius Matteis voriges Jahr per Skype kennenzulernen und das gemeinsame Hobby zu entdecken war wirklich eine große Freude und Überraschung, eine schöne Bereicherung für mich. Eine wunderbare Freundschaft mit Tscheber Wurzeln verbindet uns miteinander. Alljährlich im September denken wir gegenseitig an unsere beiden Geburtstage und an die eventuellen Großeltern mit dem Namen Tiefenbach aus Tscheb. Diesbezüglich werden wir noch recherchieren.
Der Tscheber Bub, nun 80 Jahre alt, weiß, was die Uhr geschlagen hat. Er ist zufrieden mit
seinem Leben und glücklich im Kreis seiner Familie und Umgebung.

Heute haben wir fünf Enkel und zwei Urenkel. Vor zwei Jahren verkauften wir unser Haus.
Seitdem leben wir in einer gesicherten privilegierten Wohnanlage – „GATED COMMUNITY
FOR PEOPLE OVER 50 YEARS“.
Franz Baumstark

Melbourne/Australien im Oktober 2020

Texte: Julius Matteis, Franz Baumstark: Redigiert von Elfriede Korol