Der Zweite Weltkrieg schien lange Zeit weit weg von Tscheb zu sein. In der Batschka war Friede, auch während der ungarischen Besatzung. Man wusste nicht wirklich, was in der großen Welt geschehen ist. Doch jetzt ging Furcht und beklemmende Ratlosigkeit im Dorf um. Die Menschen fragten sich „Gehen oder bleiben?“

Am Vormittag des 12. Oktober 1944, es war ein Donnerstag, hatten viele Tscheber diese Frage schweren Herzens für sich entschieden und standen mit ihrem Gepäck in der Hauptgasse. Um die Mittags zeit rollten von dort aus in Richtung Palanka zwischen 60 und 70 Planwagen. Etwa 250 Kinder, Frauen und ein paar ältere Männer saßen auf den Wagen oder gingen zu Fuß nebenher. Manche fuhren auch mit ihrem Fahrrad, dem „Bizikl“. Das Heimatdorf sollte für einige Zeit wegen der immer näher kommenden Roten Armee verlassen werden.

Tscheb 1943 – Die drei Generationen der Ernstbeck-Familie

Dass es kein Zurück mehr geben sollte, schien zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar.

Tags zuvor hatte mein ältester Bruder Franz ein Pferd mit Wagen beschaffen können. Unsere Familie konnte sich nun mit acht Angehörigen dem Treck anschließen: Meine Mutter Magdalena, Ernst geb. Lamek (34), meine Brüder Franz (12), Adam (7) und ich (3) sowie meine Großmutter väterlicherseits Magdalena Ernst geb. Beck (55), mein Großvater Andreas Ernst (63), meine Großmutter mütterlicherseits Theresia Lamek geb. Reibl (63) und deren Schwester Regina Reibl (49). Letztere waren die Töchter des ehemaligen Kleinrichters von Tscheb, Josef Reibl (*1853 – †1932). Die auch im Ernst-Haus lebenden Großeltern meines Vaters, meine Urgroßeltern Franz und Eva Beck geb. Wiest, blieben zurück, um, wie sie sagten, „das Haus zu hüten“. Mein Urgroßvater meinte, er hätte doch niemand etwas getan, warum soll ihm jemand etwas tun? Diese Ansicht war ein großer Irrtum und sollte ihm und seiner Frau bald das Leben kosten.

Mit dem Treck verließen drei Generationen das Ernstbeck-Haus in der Hauptgasse. Und für vier Generationen endete in diesem Haus am 12. Oktober 1944 das Familienleben. Gleichermaßen veränderte sich das Leben aller Einwohner des Dorfes Tscheb, ja aller Deutschen im damaligen
Jugoslawien. Unser Daddi war, wie alle wehrfähigen Tscheber Männer, die in drei Aktionen rekrutiert worden waren, seit 1943 im Krieg (im Jahre 1932 hatte er neun Monate Wehrpflicht im damaligen Königreich Jugoslawien zu leisten, wie alle dort lebenden Deutschen). Man hatte sich mit Proviant eingedeckt, um für kurze Zeit unterwegs zu sein. Ein gewisser Fleischvorrat im gefüllten Schmalztopf, die Gießkanne voll mit Trauben, Mehl, Zucker, Brot, Honig und verschiedene Dinge, die man für das tägliche Leben benötigte, wie z.B. ein paar Kochtöpfe, Besteck (Essgscherr), Zudecken, Polster (Kissen), Bett- und Tischwäsche, Kleider, Familienfotos und Gebetbücher wurden mitgenommen. Viele Menschen vergruben in aller Eile in ihren Gärten wertvolle Gegenstände. Nur über die Baranja sollte es gehen. Nach drei Wochen sind wir wieder zurück, so dachten die meisten beim Weggehen.

Trotzdem gab es herzzerreißende Abschiedsszenen. Im Rückblick erzählte meine Mutter: „Unsere 15 Gänse rannten am Abschiedsmorgen unruhig im Hof hin und her und schrien. Im Stall grunzten die Schweine und die Kühe haben gemuht. Die Beck-Großmutter hatte beim Abschied große Sorge um die kleine Elfriede, sie sagte: „Wer wird dem Kind jeden Tag sei Milch gewwe?“ Die Frenz-Besl, eine ältere Halbschwester von Mutter, war dem Treck von Tscheb aus nachgelaufen bis sie uns einholte. Sie rief: „Leni, du sollsch zruckkumme, ihr misst mahle (Daddi war Teilhaber der neuen Motormühle in Tscheb). Kumm mit zruck!“ Ein Serbe, dessen Wagen bei uns anhing, da er mit uns fort wollte und er sich deshalb als Kutscher bei uns verdingt hatte, sagte zu Mutter:

Die im Ernst-Haus zurückgebliebenen Großeltern meines Vaters kamen am 3. Juni 1945 in das Lager Jarek und mussten dort mit unzähligen anderen Menschen aus der Batschka einen qualvollen Hungertod sterben. Die Namen meiner Urgroßeltern waren Beck Franz *am 2. Oktober 1860 in Tscheb – † am 20.07. 1945 in Jarek und Beck Eva geb. Wist *am 6. Januar 1863 in Tscheb – † am 8. August 1945 in Jarek.

„Was willsch du zruckgehn, die Russe kumme, die schlage dich tot!“

Als die Kolonne durch den Nachbarort Palanka fuhr, wartete Mutters jüngste Schwester, Regina Molnar (damals 27), mit ihrem Mann, unserem Janni-Bacsi und dessen Bruder auf uns. „Leni, wo willsch du mit deine drei Kinner hiegehn?“ wurde sie gefragt. Tante Regina weinte, sie wollte mitgehen, jedoch ihren Mann nicht im Stich lassen. Eine Woche später, am 20. Oktober 1944, marschierte in Tscheb die Rote Armee mit den serbischen Partisanen ein. Plünderungen und Vergewaltigungen folgten. Für die Zurückgebliebenen begann schon bald eine unsagbare Leidenszeit in den Internierungs- und Arbeitslagern.

Die ersten Fluchttage

Am ersten Tag fuhr der Treck ca. 25 Kilometer von Tscheb über Bačka Palanka bis Obrovač. Meine Mutter erinnerte sich: „Auf den Straßen irrten hungrige Schweine, Hühner und Kühe umher und man meinte, ihr Schreien sei ein Weinen. Es war ein Anblick zum Verzweifeln.“ Die Tscheber suchten sich in leerstehenden donauschwäbischen Häusern, deren Besitzer schon auf der Flucht waren, einen Platz zum Schlafen. Unsere Familie verbrachte diese Nacht in einer Bäckerei auf dem Fußboden. Der Eigentümer des Hauses kam nochmals kurz zurück, um aus einem Fußbodenloch in einem der Räume Wertgegenstände zu holen. Am zweiten Tag ging es weiter über Brestovac, Bács, Deronje, Hodschag bis Miletitsch, wo sich im 18. Jahrhundert unsere Urahnen anfangs angesiedelt hatten. Nach dem 45 Kilometer langen Weg wurde eine Nachtunterkunft gesucht und gefunden. Es bot sich das gleiche Bild auf den Straßen wie am Tag zuvor in Obrovač. Die Häuser standen leer und verlassen da. Manche Tscheber, die weniger von zu Hause hatten mitnehmen können, fingen freilaufende Hühner ein und schlachteten sie. Am dritten Tag kam der Treck wieder etwa 45 Kilometer weiter. Es ging über Doroslovo, vorbei an der Wallfahrtskirche, zu der viele Tscheber einmal jährlich gepilgert waren, durch Stapar über Sombor bis nach Bezdan.

Die Flucht durch Ungarn

Am vierten Tag, am Sonntag, den 15. Oktober 1944, fuhren wir über Kolut nach Bački Breg, dem heutigen serbischen Grenzort. In Hercegszántó, dem heutigen ungarischen Grenzort, hielten wir am Straßenrand zum Mittagessen an. Danach ging es weiter nach Dávod bis Csátalja. Zwischen diesen Orten gab es eine schöne Allee, auf der unsere Wagenkolonne anhielt. Kurz danach ging lt. Anna Weckerle- Balger (damals 16jährig) die Nachricht von Wagen zu Wagen: „Ungarn (die Horthy-Regierung) hat kapituliert und geht jetzt mit den ‚Russen‘, nicht mehr mit den Deutschen“. Die Meldung der Kapitulation brachte eine große Unruhe in den Treck. Ein Teil fuhr dann unter der Leitung von Josef Fahr (Wirt in Tscheb) und Peter Moritz in der Hoffnung weiter, an diesem Tag noch Baja zu erreichen und mit der Fähre über die Donau gelangen zu können. Der hintere Teil des Trecks, bei dem meine Familie dabei war, fuhr zurück ins Dorf Csátalja. Die ortsansässigen Deutschen und Ungaren boten uns Schutz an und bestärkten unsere Vermutung, indem sie sagten: „Geht rein in unsere Höfe, der Russe kommt!“ Etwas später war dann aber von Einheimischen, die ein Radio besaßen, zu hören: „Die Pfeilkreuzler (ungarisches Militär) haben die Regierung übernommen!“ Das bedeutete Entwarnung und unsere Wagen sind daraufhin bei Anbruch der Dunkelheit wieder in Richtung Baja losgefahren. Wegen möglicher Fliegerangriffe durfte kein Licht gemacht werden. Bald war es stockdunkle Nacht. Die Straßen waren voll von flüchtenden Menschen, und es war in der Dunkelheit schwierig, den richtigen Weg zu finden, weshalb sich unser Treck in Baja verfahren hatte.

Im Morgengrauen erreichten wir die Donau. Hier erwartete uns ein großes Chaos von Menschen, Wagen und Pferden. Viele Fluchtwagen standen vor uns. Alle wollten über die Donau. Lange mussten wir fröstelnd warten, bis wir an der Reihe waren. Das deutsche Militär half den Flüchtenden mit ihren Pferden und Fahrzeugen bei der Überquerung. Die Menschen sollten dabei aus Platzgründen auf ihren Wagen sitzen bleiben. Die zu Fuß gegangen waren mussten zusehen, wie sie zwischen den Wagen stehen konnten. Nur etwa zehn Wagen durften pro Donauüberquerung auf die „Plätte“ fahren und wurden dann vom Militär ans andere Ufer gezogen. Anna Weckerle-Balger hört noch heute das laute Knarren der Bohlen beim Auffahren der Pferdewagen. Während wir auf die Überfahrt warteten, erzählte man uns, dass in der Nacht zwei Pferde gescheut hatten und samt Wagen und den darauf sitzenden Menschen mit Habe über Bord in die Donau gestürzt und diese ertrunken waren.

Am fünften Fluchttag, dem 16. Oktober 1944, erreichten wir Bátaszék, wo wir das erste Mal vom deutschen Militär etwas zu essen bekamen. Hier trafen wir auf Tscheber, die auf anderem Wege hierher gekommen waren und vor Ort einwaggoniert wurden. Die Wagen, die sich in Csátalja von uns getrennt hatten, waren uns jetzt immer voraus, da sie einige Stunden vor uns in Baja über die Donau gelangten.

Meine Mutter erzählte rückblickend: „Die Wege, auf denen wir durch Ungarn fuhren, waren schlecht, oft vom Regen aufgeweicht. Es waren keine befestigten (asphaltierten) Straßen. Einmal ging uns ein Wagenrad kaputt und wir standen im Dreck. Alle anderen Wagen blieben mit Rücksicht auf uns stehen, bis es repariert war und wir wieder weiterfahren konnten. Ein anderes Mal saß ich mit euch drei Kindern über Nacht unter einem großen Kastanienbaum. Morgens waren wir alle nass vom Tau. Franz hatte sich verkühlt und eine Angina zugezogen. Es war schlimm, er konnte nicht mehr sprechen. Große Aufregung. Ja, wo war jetzt ein Arzt? Hin und wieder kam uns die Deutsche Wehrmacht entgegen. Sie versorgte uns dann gelegentlich mit Eintopf und heißem Tee“. Die erste große Herausforderung stand uns vor Möcseny bevor: Es galt einen steilen Hügel rauf und runter zu fahren. Die Auffahrt mit einem vollbeladenen Wagen schaffte ein Ross kaum allein. So musste häufig das Pferd eines anderen Wagens dazu aus- und mit eingespannt werden, damit mit zwei Pferden das mühevolle Hochfahren gelang. Da die Wagen wegen des Flachlandes in der Batschka keine Bremsen hatten, hielten die Männer beim Runterfahren „Holzbriggl“, die sie irgendwoher beschafft hatten, zwischen die Speichen der Wagenräder. Damit konnte abgebremst werden. Unser Fluchtwagen war nicht allzu groß und durch die mitgeführte Habe sehr beladen, deshalb konnten nicht alle Familienmitglieder gleichzeitig aufsitzen. Mein Ernst-Großvater, der wegen einer Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg gehbehindert war, konnte nicht laufen. Unsere Mutter, die beiden Großmütter und die Großtante wechselten sich mit dem Aufsitzen und Laufen ab. Sie legten täglich lange Fußmärsche mit manchmal mehr als 30 Kilometer zurück. Mein ältester Bruder Franz fuhr mit dem neuen Damenfahrrad unserer Mami mit anderen Radfahrern täglich voraus, um in einem der nächsten Orte eine Unterkunft für die kommende Nacht auszukundschaften. Einmal war er dabei verloren gegangen und es herrschte große Aufregung bis er wieder beim Treck war. Irgendwo in Ungarn hieß es dann, vom neuen Fahrrad Abschied zu nehmen. Mutter: „Ich hab gsaggt: Franzi, es hot kon Wert net mit dem Fahrrad! No bin ich zu ohme Schuschder gang. Hab gedenkt, dass er ehm vielleicht Schuh gewwe kann, er hot awwer net kenne, awwer hot Ledder gewwe. Mir henn dann zwa Paar Schuh aus dem Leder mache losse. Ja, dann hab ich des Fahrrad so eingetauscht unn mr sinn halt weiter gang.“

Die Fluchtroute durch Ungarn ging weiter über Bonyhad, Majos, Nagymanyok, Magocs, Csikostöttös, Kaposzekcsö, Dombovar, Attala, Taszar, Kaposvar, Kapostö, Tapsony bis Somogysimonyi, wo wir einige Tage bleiben konnten. Anna Stefan-Pfefferle aus Tscheb schrieb hierzu in ihrem Fluchtbericht im Tscheber Heimatbrief Nr. 40/2011: „Vom 1. bis 6. November 1944 blieben wir in dem Dorf Somogysimonyi in Ungarn. Dort sind wir von den ungarischen Leuten freundlich aufgenommen worden.“ Auch aus Mutters Erzählungen ist mir bekannt, dass wir in Ungarn einmal ein paar Tage ein Zimmer mit schönen sauberen weißen Betten bei freundlichen Leuten bekommen hatten und diese gut zu uns gewesen waren.

Wir zogen weiter. Ein anderes Mal sollte in einer Schule übernachtet werden. Auf dem Boden lag überall Stroh und alle legten sich darauf zum Schlafen. Manchmal fanden wir nachts in Scheunen oder Ställen Unterschlupf. Einige Male übernachteten wir auch unter freiem Himmel, obwohl es Ende Oktober und nachts schon empfindlich kühl war. Die langen Fußmärsche wurden für meine beiden Großmütter, Mutter und Großtante immer beschwerlicher. Für meine Mutter besonders dadurch, dass sie mich beim Laufen meist noch auf dem Rücken tragen musste, da ich nicht von ihrer Seite wich. Irgendwann sahen wir von Weitem den Plattensee. Über Savoly, Zalaszentlaslo, Zalaber, Cser, Oszö, Vasvar, Zsennye, Barozsneggys, Sarvar, Ujker, Lövö ging es inzwischen auf besseren Straßen weiter durch Ungarn. Mein Bruder Adam erinnert sich, dass unser Treck durch die Puszta zog und eines Nachts ein Fliegerangriff auf eine in der Nähe liegende Stadt zu hören und zu sehen war: „Es fielen viele „brennende Christbäume vom Himmel“. In den Ton-Aufzeichnungen unserer Mutter wurde dies bestätigt: „Einmal durften wir in Ungarn über Nacht in einem großen Sallasch (Gehöft außerhalb) bleiben. Es regnete und war ziemlich kühl. Der Boden war matschig und dreckig. Und wie wir so in den Stall reingehen wollten, sahen wir in der Ferne am Himmel brennende „Christbäume“. Wir haben uns Stroh geholt und im Stall verkrochen. Die Kühe waren direkt neben uns. Sie hatten ‚die Scheiß‘ und davon haben wir einiges abgekriegt. Am nächsten Morgen, als wir uns sahen, lachten wir einander aus! Liewer Gott im Himmel, was mr alles mitgmacht henn, dess kann ich garnet alles sage!“ Die Pferde waren in dieser Nacht in Ställen auf einem nahe gelegenen Sallasch auf der Puzsta untergebracht worden. Morgens war alles mit Reif bedeckt und die Wagenräder fest gefroren. Doch der Treck musste weiterziehen. Ziel war jetzt Ödenburg (Sopron).

Die Einwaggonierung in Ödenburg/Ungarn (heute Sopron)

Da vorerst niemand mehr in die Stadt Ödenburg reinfahren durfte, hatten sich schon im Außenbezirk riesige Menschenmassen mit Wagen und Pferden angesammelt. Vor Ödenburg wurden wir einige Male aus der Feldküche der Deutschen Wehrmacht versorgt. Die deutschen Soldaten wussten nicht mehr wohin mit den vielen Menschen. Es ging unbeschreiblich chaotisch zu. Manche Leute gingen auf eigene Faust weiter, manche hatten eine Adresse in Deutschland oder Österreich. Der aus Tscheb stammende Soldat Stefan Valtin (28) war etwa zwei Wochen zuvor zu unserem Treck gestoßen. Er organisierte Übernachtungen, begleitete und bewachte die Tscheber. Da nur ein paar ältere Tscheber Männer bei den Frauen und Kindern waren, bedeutete seine männliche Anwesenheit Schutz und große mutige Hilfe. Er wusste, dass er wegen dieses längeren Fernbleibens inzwischen von der Deutschen Wehrmacht als Deserteur von den „Kettenhunden“ gesucht wurde. Bei ihnen handelte es sich um deutsche Soldaten, die desertierte Kameraden suchten. Sein Aufspüren würde Tod durch Erschießen bedeuten. Seine Nichte Anna Stefan-Pfefferle erinnert sich: „In Ödenburg, heute Sopron, standen viele Wagen in einer Kolonne zum Einwaggonieren bereit. Meine Mutter wollte schauen, wie es weiter geht. Ich blieb deshalb allein auf dem Kutschbock sitzen. Plötzlich sah ich meinen Onkel Valtin zwischen den Wagen herumschleichen und dann über die Deichseln springen. ‚Sag deiner Mami, dass ich heimgeh‘ rief er mir noch zu. Dann lief er blitzschnell davon und war für immer verschwunden. Ich habe gesehen, dass ihm zwei Soldaten hinterher gelaufen sind. Er hatte immer nach Tscheb zurück gewollt und konnte sich dann auch bis nach Serbien durchschlagen. Doch dort wurde er 1945 von den Serben als Verräter zum Tode durch Erhängen verurteilt. Sein letzter Wunsch war, dass seine Angehörigen dies erfahren sollten. Sein Vater erhielt diese schreckliche Nachricht als Insasse im berüchtigten Hungerlager Jarek. Überbringer war sehr wahrscheinlich unser Verwandter, der Gabs-Lehrer, dem die Meldung von amtlicher Seite zugetragen worden sein soll.“ Anna Balger-Weckerle erinnert sich: „Drei Tage musste unser Treck in Ödenburg auf die Weiterfahrt warten. Ende November 1944 wurden wir dann mit den Planwagen und den Pferden in die inzwischen bereitgestellten Viehwaggons einwaggoniert. Die Pferde wurden in einem Extra-Waggon befördert. In die Mitte unseres Waggons wurde ein Loch geschlagen, das auf der Fahrt im jetzt eiskalten Winter als Toilette dienen sollte. Nachmittags fuhr der Zug los und hielt um fünf Uhr morgens irgendwo an. Nicht aussteigen! hieß es. Man hörte draußen Menschen in einer unbekannten Sprache sprechen. Maria Balger, meine Mutter, sagte daraufhin: ‚Wo fiehre die uns hie? Sinn mr schunn in Russland?‘ Bei der Weiterfahrt am Bahnhof zeigte ein Schild ‚Brno‘ an. Jetzt wussten wir, dass wir in Brünn (damals Protektorat Böhmen-Mähren) waren.“

Durch meine redaktionelle Arbeit für den Tscheber Heimatbrief entstand im Laufe der letzten Jahre der Wunsch, auch die Flucht meiner Familie aus Tscheb im Jahre 1944 zu dokumentieren. Mit freundlicher Unterstützung von Anna Weckerle-Balger aus Tscheb konnte der Fluchtweg unseres Trecks von der Batschka durch Ungarn nach Schlesien und weiter bis in den Landkreis Heidelberg rekonstruiert werden. Dank ihres sehr guten Erinnerungsvermögens sind ihr viele Begebenheiten, die sich während der Flucht zugetragen hatten, und unsere Familie in bester Erinnerung geblieben. Dies war mir eine wichtige Hilfe bei meinen Recherchen. Dafür ein ganz herzliches Dankeschön an dieser Stelle an Frau Weckerle, Bammental. Desweiteren geht mein Dank an alle im Text namentlich Aufgeführten für ihre Aussagen, die ich als Zitate übernommen habe. Zu meiner großen Freude lagen darüberhinaus Tonaufzeichnungen meiner verstorbenen Mutter, Magdalena Ernst geb. Lamek, vor und waren eine wertvolle Informationsquelle. In einem langen Gespräch hatten meine Kinder Alexander und Natascha an Weihnachten 1996 Erinnerungen ihrer Oma aus dieser Zeit auf drei Kassetten festgehalten. Bei allen Nachforschungen war mir mein lieber Mann Konrad von Anfang an eine unentbehrliche Stütze. Ihm gilt mein innigster Dank für seine Geduld und sein großes Interesse an meinem Geburtsort Tscheb an der Donau.
Elfriede Korol geb. Ernst
Neckarsteinach, 12. Oktober 2013

Ankunft in der Grafschaft Glatz in Niederschlesien

Am nächsten Tag, es war der 1. Dezember 1944, wurden wir in Glatz / Niederschlesien auswaggoniert. Sieben Wochen Flucht mit dem Pferdewagen bei Regen, Schnee und widrigsten Bedingungen lagen hinter uns. Anna Weckerle-Balger erzählte: „Bei der Ankunft im Bahnhof Glatz herrschten schrecklich unhygienische Zustände. Am Boden lag überall Kot. Sehr viele flüchtende Menschen waren schon vor uns hier angekommen und hatten ihre Spuren hinterlassen. Immer waren wir die Letzten, egal wo wir hinkamen. In Glatz lag bereits viel Schnee. Er war ganz schwarz, weil es in der Nähe eine Kohlengrube gab. Von Glatz fuhren wir mit dem Pferdewagen in den etwa 15 km entfernten Ort Schlegel weiter. Die Landschaft dort war hügelig. Das Bergauf- und abfahren mit unseren Wagen ohne Bremsen gestaltete sich wiederum sehr schwierig, da Schnee und vereiste Straßen dieses riskante Unterfangen zusätzlich noch erschwerten. Doch mit der bereits auf der Fahrt in Ungarn beschriebenen Methode konnte die Weiterfahrt gemeistert werden. Bald nach unserer Ankunft hatte das deutsche Militär den Tscheber Leuten die Pferde abgenommen. Manche Tscheber hatten ihre Pferde schon vorher an Bauern übergeben, in der Hoffnung, sie später wieder für die Rückfahrt in die Heimat abholen zu können. In Schlegel wurden wir in einer Halle untergebracht. Auf dem betonierten Boden lag nur wenig Stroh. Darauf lagen wir die nächsten beiden kalten Winternächte wie Heringe neben-einander. Zugedeckt haben wir uns mit dem, was wir auf der Flucht bei uns hatten. Hier hausten wir zwei Tage. Dann wurden in einem Gasthaus für uns Eisenbetten in einem großen Saal aufgestellt. Er war Tag und Nacht Gemeinschaftsraum für die vielen Tscheber. Aber in diesem schlesischen Auffangquartier hatte der beschwerliche, sieben Wochen dauernde Fluchtweg vorerst ein Ende gefunden. Als Willkommensgruß wurden die Tscheber von der Gemeinde zu einem Schlittenausflug in eine Waldwirtschaft eingeladen. In einem großen Saal wurde auf Tellerchen ungesüßter Pudding mit drei Kirschen serviert“. Als Ablenkung waren Kinobesuche möglich. So wollte sich unsere Mami mit anderen jungen Frauen eines Abends einen Kinofilm anschauen. Mitten in der Vorführung tönte eine Durchsage aus dem Lautsprecher: „Achtung! Achtung! Frau Ernst soll aus dem Kino kommen!“. Draußen stand der Ernst-Großvater und sagte: „Kumm, des (gemeint war ich) is‘ nett zu bruhiche!“. Als ich gemerkt hatte, dass meine Mami nicht da war, schrie ich immerzu: „Mei Mami soll kumme, mei Mami soll kumme!“ Niemand der anwesenden Familienmitglieder konnte mich beruhigen, und so wurden alle in dem großen Schlafraum in ihrer Nachtruhe von meinem Geschrei gestört. Mutter erzählte den Vorfall später so: „Ich hab mich im Kino so gschmiert (unauffällig) zammpackt unn bin gang. Vor denne Leit hab ich mich gschemmt“! Der Versuch eines kleinen Vergnügens war für sie kläglich gescheitert. Vom Rathaus in Schlegel bekamen wir inzwischen Lebensmittelmarken zugewiesen. Trotzdem mussten manche Frauen um Kraut und Kartoffeln betteln gehen. Schlange stehen beim Brotkauf war an der Tagesordnung. Auch Weihnachten 1944 verbrachten wir in dem großen Saal, in dem wir seit unserer Ankunft in Schlegel lebten. Dort war für uns ein Christbaum aufgestellt worden. So gut es ging, hatten die Tscheber Frauen mit den mitgeführten, noch vorhandenen Zutaten, wie Weißmehl und Schweinefett, Weihnachtsgebäck gebacken. Eier gab es keine. Von einem Bäcker bekamen sie pro Familie je ein Kuchenblech geliehen, das sie belegen und zum Backen zu ihm bringen konnten. Die einheimischen Leute, die ebenfalls ihre Backwaren zum Bäcker brachten, staunten über unser Weißmehl. Es war ein wehmütiges Weihnachtsfest, weit weg vom vertrauten Tscheb. Viele Tränen flossen im Rückblick auf die vergangenen Wochen. Immer wieder war zu hören: „Was haben wir nur gemacht?“. „Warum sind wir fort?“. Keine Familie war vollständig, der Vater fehlte, der Ehemann oder der Sohn. Nichts wussten die Tscheber über die Zurückgebliebenen, nichts von den Männern im Krieg.

Unsere Regin-Besl (Regina Reibl), die Schwester meiner Lamek-Omami, war mittlerweile der Versprechung erlegen, man könne wieder in die alte Heimat zurück. Sie war mit einem Landsmann und einer Tscheberin aufgebrochen, um wieder heim nach Tscheb zu gehen. Anna Stefan-Pfefferle erzählte, dass ihre Familie diese drei Personen in einer Gruppe von etwa 250 Leuten aus der Batschka in der Tschechei getroffen hatte. Alle wollten wieder heimkehren. An der tschechischen Grenze wurde diesen Deutschen von den Tschechen alles, was sie noch besaßen, abgenommen, so dass sie mittellosauf der Straße standen. Regin-Besl und ihre Begleiter konnten die tschechische Grenze noch vor der Grenzschließung einigermaßen unbehelligt passieren. Jedoch in Jugoslawien erwartete die Rückkehrer ein brutaler Empfang mit Schlägen und die sofortige Einweisung in ein Internierungslager. Obwohl es ein paar Jahre später ein Wiedersehen in Altneudorf mit ihren Lieben gab, war sie ob der damaligen schrecklichen Erlebnisse Zeit ihres Lebens traumatisiert.

Nach Neujahr 1945 wurden die Tscheber in die Umgebung von Schlegel zum Arbeiten verteilt. Unsere Familie wurde für die nächsten Wochen Bauern in Mittelsteine und danach in Roms zugeteilt, beides kleine Orte in der Grafschaft Glatz. Mit auf der Flucht waren auch drei hochschwangere Tscheber Frauen, die in dieser Zeit in der Nähe, in Bad Landeck im Krankenhaus entbunden hatten: Die jungen Väter waren im Krieg. Immer noch glaubten viele an die Heimkehr nach Tscheb.

Transport nach Weiden/Oberpfalz

Mitte Januar 1945 brach in Polen die Front zusammen und die Rote Armee drang nach Breslau vor. Daraufhin mussten wir auch aus Schlesien vor den ‚heranrückenden Russen‘ flüchten. In der Ferne hörte man andauerndes Schießen. Anna Balger wohnte mit ihrer Familie in Bad Reinerz. Ihre Hauswirtin sagte ihnen schon seit Tagen, dass die zu hörenden Schüsse Breslau gelten würden. Herr Jung, ein protestantischer Pfarrer aus Schowe in der Batschka, kümmerte sich um die Tscheber. Er hatte unsere Umsiedlung bei den Behörden geregelt und dafür gesorgt, dass wir aus dem neuerlichen Gefahrengebiet herauskamen. Eine Liste mit Namen derjenigen, die mitfahren wollten, wurde erstellt. Etwa 20 Personen kamen in einen Waggon (es waren drei Viehwaggons). Verwandte konnten zusammen bleiben. Zuvor wurden Bretter organisiert, aus denen Kisten für die Beförderung der noch vorhandenen Habe zusammengenagelt wurden. Der Transport erfolgte mit der Bahn von Glatz nach Weiden in die Oberpfalz. Wir verbrachten drei Tage zusammengepfercht in der großen, bombardierten Lagerhalle der Firma Witt Weiden, wo ein Flüchtlingslager eingerichtet worden war. Die Fenster waren mit Brettern zugenagelt. Im Keller stand noch ein großer gemauerter Herd, auf dem für uns gekocht wurde. Wahrscheinlich war der Raum zuvor eine Art Betriebskantine gewesen. Die anwesenden Bauern konnten sich von den angekommenen Flüchtlingen Arbeitskräfte aussuchen. Manchen wurden die Arbeitskräfte auch zugewiesen. Es gab Bauern, die die ihnen zugewiesenen Flüchtlinge nicht aufnehmen wollten. Sie ließen diese Menschen den ganzen Tag in eisiger Kälte, im Schnee stehen. Mutter meinte rückblickend: „Die henn uns net welle, henn uns ogschaut, wie wenn mr Wunderdinge wärn!“ Manche Landsleute waren vom Flüchtlingslager Witt aus nach Wilchenreuth, Edeldorf, Bergnetsreuth oder in die Nähe geholt worden. Die Familien Hoffmann, Hamar, Stock, Schmidt, Scherl, Simon, Mayer und Balger wurden im Schulhaussaal in Wilchenreuth untergebracht. Schulunterricht fand in jener Zeit nicht statt. Unsere Familie wurde nach Welsenhof auf vier nebeneinander gelegene Bauernhöfe außerhalb von Weiden verteilt. Mami, Franz, Adam und ich kamen beim Bauer Hirmer unter. Franz musste nebenan beim Bauer Nadler Kühe hüten. Weiterhin war in der Nachbarschaft der Hof der Bauersfamilie Sparer, bei der die Ernst-Großeltern untergebracht waren. Ferner gab es noch Bauer Wittmann, zu dem die Lamek-Omami gekommen war. Unsere Mami war gezwungen, schwere Feldarbeit zu verrichten, um Essen und Unterkunft für uns zu bekommen. Nicht anders erging es den Ernst-Großeltern und der Lamek-Omami. Doch alle waren froh, für ihre Arbeit ein Dach über dem Kopf und etwas zum Essen zu haben. Vroni Grieshaber (damals 14) erzählte mir, dass sie im Raum Weiden Kühe hüten musste. Sie erinnerte sich: „Ich schämte mich dafür so sehr, da eine solche Arbeit in Tscheb eine der niedrigsten Tätigkeiten war“. Die Sparers hatten zwei erwachsene Töchter, Ida und Lina. Einer der beiden tat es so leid, dass ich, so ein kleines Mädchen, gar nichts zum Spielen hatte. Und so nähte sie mir aus Stoffresten eine Puppe. Ich erinnere mich, dass auch später noch viel von der Lumpenpuppe gesprochen wurde. Ich war damals drei Jahre und dreieinhalb Monate alt. Meine allerersten Kindheitserinnerungen habe ich an den Weiler Welsenhof in der Oberpfalz. Ich sehe noch den großen Innenhof beim Bauer Sparer vor mir. Rechts neben dem Eingang zum Hof stand ein gemauertes Backhäuschen. Darin wurde einmal in der Woche herrlich duftendes Brot gebacken. Mit dem Bauer durfte ich auch schon mal mit dem eingespannten Kuhwagen zum Grasholen fahren und auf dem Leiterwagen obenauf, neben ihm, sitzen. Das war für mich dann ein Erlebnis. In meiner Erinnerung kann ich heute noch die „Hochebene“, über die wir dabei fuhren, sehen. Aber auch Bilder von überfüllten Zügen, aus denen Kinder durch die Fenster gereicht werden, Bahnhöfe mit vielen Menschen, Soldaten, bei deren Anblick ich Unbehagen hatte, sehe ich noch vor mir.

Peter Balger aus Tscheb erzählte mir, dass er (damals 15) bei einem Spaziergang einmal am Bach in Welsenhof eine Frau mit Kindern spielen sah. Es war Mami mit uns Kindern. Insgeheim bestand wohl immer noch Hoffnung auf eine Rückkehr in die Heimat, denn Anna Balger-Weckerle erzählte mir: „Eier Mami hot in der Oberpfalz ganz viel Kimmel uff der Wies‘ gsammelt unn in Säckl gpackt. ‚Den kenne mr dahom uff die Kipfel duun, die der Adam (unser Daddi) in der Bäckerei immer backt“ sagte sie. Mein Bruder Adam hat in Erinnerung, wie unsere Mami manchmal abends mit uns Kindern auf der Anhöhe unweit der Bauernhöfe darum betete, dass unser Daddi aus dem Krieg zurückkommen möge. Langsam verließ sie die Zuversicht. Wie sollte es weitergehen ohne den Mann, den Vater, den Ernährer? Kommt er aus dem Krieg zurück? Lebt er noch? Alles war ungewiss. Es ging ihr zunehmend schlechter. Bald sah sie keine Zukunft mehr, irgendwann verließ sie die Hoffnung auf ein Zurück nach Tscheb. Über Nacht war sie grau geworden, der Ernst-Großvater sagte besorgt zu ihr: „Wenn du dich jetzt nicht zusammenreißt und umdenkst, dann lässt du uns noch mit den drei Kindern hier allein zurück.“ Später antwortete sie ihren Enkeln Alexander und Natascha auf die Frage, wann sie von Opa ein Lebenszeichen erhalten hätte: „Kinder, jetzt erzähle ich euch was, da lacht ihr vielleicht darüber oder ihr wollt es nicht glauben: 1945 vor Ostern habe ich eine achttägige Andacht gemacht. Dazu bin ich jeden Tag von Welsenhof die etwa drei Kilometer nach Wilchenreuth zur Kirche gelaufen und habe dort gebetet, dass mein Schutzengel mich etwas vom Opa hören lässt. Und Kinder, ihr glaubt es nicht! Wir gehen am Karfreitag in Wilchenreuth aus der Kirche, da kommt eine Landsmännin auf mich zu und sagt:

Leni, ich kann dir sagen, dein Adam lebt!

Aber wo? Sie hatte von jemand gehört, dass er interniert sei. Wie war ich nun froh, als ich hörte, er lebt! Mit einigen jungen Frauen bin ich jede Woche dann rumgefahren, und wir haben überall Suchmeldungen mit unseren Adressen hin geklebt, an jeden Pfeiler, an jeden Zaun, an Häuser. Alle machten das so.“ Bald darauf ist sie mit einigen Frauen mit dem Zug nach Ulm gefahren. Man konnte in dieser chaotischen Zeit ja ohne Fahrgeld fahren. Sie schlug vor, in den Bahnhofswartesaal zu gehen, weil man sich dort vielleicht aufwärmen könnte. „Unn was moont ihr, als mr do nei kumm sinn, liege do lauder deitschi Soldate. Es kumme drei uff uns zugschprung und sage: ‚Frau vunn wu seiner denn her?‘ ‚Ha, vunn Tscheb!‘ ‚Vunn Tscheb? Ja, wie haast denn eier Mann?‘ ‚Adam Ernscht‘ haw ich gsaggt, ‚des is a Bäcker‘. ‚Horch mol, kumm mol her du, hot er ohm annre Soldat zugruf, bei dir war doch on Adam Ernscht in der Gfangeschaft unn der war doch a Bäcker?‘. ‚Ja, des kann eire Mann gwese sei, der is noch in Gfangeschaft. Awwer der wird schunn a ball entlasse werre‘ hot dr anner Mann mr gantwort. ‚Na, dess war was, wie die uff uns zugschprung sinn, weil mr halt die Kopp- und Halsdichl umghatt henn wie dahohm. Ich bin dann so bruhigt nach Welsenhof zruckgfahr‘ erzählte Mutter noch Jahrzehnte später.

Anfang Mai 1945 wurde die Oberpfalz von den Amerikanern besetzt. Mein Bruder Adam weiß noch, wie an einem Sonntagmorgen von den Höfen in Welsenhof aus die vorbeifahrenden Panzer zuerst zu hören und dann zu sehen waren. Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht. Der Krieg war endlich zu Ende! Mutter: „Beim Einkaufen haben wir eine weiße Binde, ein weißes Taschentuch, umgebunden. Das US-Militär kam in die Höfe und alle mussten sich in einem Zimmer versammeln, auch der Hausherr. Sie sagten: ‚Krieg aus, Krieg aus‘ und haben sich überall umgeschaut, alles ausgeschnüffelt und sich genommen, was sie wollten. Dann sind sie wieder gegangen. Die Aktion dauerte 1-2 Tage“.

Kurz darauf kam es zu einer freudigen Begegnung. Mutter sah vom Welsenhof aus den alten Mayer-Hans Vetter, der auf der anderen Seite des Tales wohnte, spazieren gehen. Zwei junge Männer kamen ihm auf der Straße entgegen. Er schaute die beiden an und fragte den einen: „Sag mool, bisch du nett der Lamek-Frenz ihr Bu?‘ Ja der bin ich“ war die Antwort, die mein Cousin und Mamis Neffe Josef (Seppl) Allendörfer gab. Da sagte Hans- Vetter zu ihm:

Horch mol, do driwwe im Tal, do sinns Ernschtbecks!

“Mit große Schritt is der Seppi dann kumm, verriss, verlumbt und dreckich, die Fetze sinn vunn seine Schuh ghank“ schilderte Mutter später sein Aussehen. Doch wie groß war die Freude! Seppl bekam die von der Ernst-Großmutter auf die Flucht mitgenommenen Kleider unseres ehemaligen kroatischen Bäcker-Lehrbuben, der einige Zeit vorher auf tragische Weise in der Donau bei Tscheb ertrunken war. Zum Essen konnte Mutter ihren Überraschungsgästen nur ein paar „Brotkrümel“ geben, sie hatte ja auch nichts. Und Kartoffel konnte sie ihnen kochen. Wegen der Lebensmittelkarten sollten sich die beiden beim Bürgermeister melden. Als sie das taten, wurden sie gleich mit einem bereitstehenden LKW abgeführt und waren ab sofort amerikanische Kriegsgefangene.

In seinen Lebenserinnerungen schildert Seppl hierzu: „Endlich, im Mai 1945, war der wahnsinnige Krieg vorbei! Mit großer Erleichterung, aber nervlich am Ende und mit Angst erlebten wir deutschen Soldaten das Kriegsende in der Tschechei, an der tschechischen Front, kurz vor Prag. Zu dritt machten wir uns auf den Weg nach Süddeutschland. Bei Regen und mit großem Hunger sind wir tagelang, insgesamt ca. 200 Kilometer zu Fuß, bis nach Hof/Bayern gelaufen. Unterwegs sahen wir, dass die Bauern auf den Feldern Kartoffel gesteckt hatten. Diese haben wir dann ausgegraben und im mitgeführten Kochgeschirr auf Stein gebraten. Abends suchten wir uns eine trockene Stelle unter einem Baum zum Übernachten. In den Gegenden, durch die wir kamen, waren viele Russen und Amerikaner, doch wir hatten großes Glück und kamen unbehelligt bis in die Oberpfalz. Hier trennten wir drei Kameraden uns. In Welsenhof bei Weiden fand ich meine Tante Leni. Hier blieb ich einige Tage und half dem Bauern beim Kartoffelstecken. Dafür bekam ich endlich etwas zu essen. Und hier traf ich auch den Haditsch Franz und den Gyulla Flögel aus Tscheb. In der Nähe von Flossenbürg bin ich registriert worden und habe Papiere bekommen. Bestimmt ein Jahr lang war ich dort in amerikanischer Gefangenschaft, wo es wenig zu essen gab. Das Gefangenenlager war nur einige Kilometer von Welsenhof entfernt, so dass Leni mich besuchen konnte. Einmal hatte sie unterwegs Äpfel in ihrer Schürze gesammelt und mir und auch anderen Gefangenen mitgebracht. Alle wollten Äpfel essen“.

Für die Tscheber blieb Herr Pfarrer Jung auch in der Oberpfalz ihr Ansprechpartner. Er sagte: „Frauen, ich bleibe bei euch!“ Und er hielt Wort. Da er mit wichtigen Leuten in Kontakt war, hatte er auch immer neueste Informationen. Die Tscheber Männer, die mit uns geflohen waren, holten bei ihm deshalb immer wieder Erkundigungen über aktuelle Ereignisse ein. Pfarrer Jung setzte sich dafür ein, dass wir nach 1 ¼ Jahren Aufenthalt in der Oberpfalz mit einem Transport von Weiden nach Mingolsheim/Baden kamen. Vorher rief er alle Tscheber in Weiden bei einer Kindstaufe zusammen und sagte: “Meede (Mädchen), ich geh in die Gegend von Heidelberg. Wer sich anschließen will, kann mitgehen. Dort gibt es keine Maulbeerbäume neben der Straße wie daheim, aber Apfelbäume“. Die Bauern brachten uns mit unserer wenigen Habe nach Weiden zum Bahnhof. In Welsenhof waren wir insgesamt 15 Monate, und zwar von Ende Januar 1945 bis Anfang Mai 1946.

Ankunft in Mingolsheim/Baden und Aufteilung in den Landkreis Heidelberg

Der Zugtransport aus der Oberpfalz führteuns nach Mingolsheim bei Karlsruhe, in die Gegend, aus der unser Ahn väterlicherseits im 18. Jahrhundert als junger Mann dem Aufruf der Habsburger in Wien folgte und mit Frau und Kind in die Batschka auswanderte. Es war die Zeit, in der im Deutschen Reich Not und Hunger herrschten, vor allem durch die Vergnügungssucht und die Verschwendung der adeligen Grundherren. Die einzelnen Landesfürsten der vielen kleinen Staaten, aus denen das Deutsche Reich zu jener Zeit bestand, hielten die Untertanen als Leibeigene ohne Rechte. Die meisten Bauern und Handwerker waren bis zur Verelendung herunter gewirtschaftet. So ließen sich die Menschen leicht zur Auswanderung überreden. Auch der Schuster Johann Ernst, geb. am 25.06.1747 in Sinzheim bei Baden-Baden, Sohn des Joseph Ernst (Stuhlrichter / Amtsrichter) und seiner Frau Anna Maria Ernst, war als Kolonist mit Frau und Kind Donau abwärts gefahren und ließ sich zunächst in Miletitsch nieder. Eine Generation später, nachdem die Sekundärsiedlung Tscheb gegründet wurde, ist dieses Dorf für die Familie und ebenso für die nachfolgenden sieben Generationen Heimat gewesen. Und nun -250 Jahre später- mussten ihre Nachkommen, die Donauschwaben, unfreiwillig ‚ihr Land‘ verlassen und ins ‚Reich‘ zurückgehen. In Mingolsheim/Baden, heute Bad- Schönborn, wurden wir auswaggoniert und für zwei Tage in einen Saal des Schlosses Kislau einquartiert. Das ehemalige Jagdschloss war in der Vergangenheit schon mehrfach zweckentfremdet worden, z.B. als KZ und Strafgefängnis. Nun diente es als Auffanglager für Flüchtlinge. Die Tscheber mussten sich zunächst einer unnötigen und als unwürdig empfundenen Entlausung unterziehen. Alt und Jung hatten die Kleider abzugeben und sich nackt in eine Reihe zu stellen. Nach einer Dusche bekamen „die Entlausten“ ihre Kleider wieder zurück. Draußen im Hof war eine lange Tischreihe aufgestellt, an der örtliche Helferinnen mit den Namenslisten beschäftigt waren, die Anna Balger und Peter Hubert während der Zugfahrt geschrieben hatten. Anhand dieser Listen und unter Berücksichtigung der Verwandtschaftsverhältnisse wurden die Landsleute in Gruppen von etwa 20 Personen zusammengestellt und auf die Gemeinden Bammental, Baiertal, Altneudorf und Altenbach im Landkreis Heidelberg verteilt. Mit den jeweils von den Gemeinden geschickten LKWs, damals noch mit einem Holzvergaser ausgestattet, wurden dieTscheber dann dorthin gefahren. Zehn Jahre später sollte der Fahrer des LKW aus Bammental Schwiegervater des Buben Andreas Reibl werden, der bei dieser Fahrt auf der Ladefläche saß. Andreas (damals 13jährig) war der Sohn des Reibl- Balwierers in Tscheb und Großcousin meiner Mutter.

Ankunft in Altneudorf bei Heidelberg

Am 8. Mai 1946 hielt der mit uns und weiteren Tscheber Familien beladene LKW in der Dorfmitte von Altneudorf, gegenüber des Gasthofes KRONE. An unsere Ankunft und an die herumstehenden, uns erwartenden Altneudörfer (wie sehen denn Flüchtlinge aus?) kann ich mich gut erinnern. Ich war jetzt vier Jahre und sieben Monate alt. Unter den Wartenden erblickte ich ein Mädchen, das für mich einer Märchen Prinzessin glich. Dies war meine erste Wahrnehmung in Altneudorf. In der Tat war sie später eine Dorfschönheit. Unsere Großfamilie wurde in verschiedene Unterkünfte im Ort aufgeteilt: Mutter und wir drei Kinder wurden in ein altes Haus, dessen Frontfassade von dem Luftangriff eines Jagdbombers viele Einschusslöcher hatte, einquartiert. Es gehörte dem Ehepaar Paul und Katharina Jöst und befand sich am Ortsausgang von Altneudorf, Richtung Schönau. Wir bekamen die längliche, schräge Dachkammer von etwa 12-14 qm mit einem Giebelfenster zugewiesen. Mutter sagte „Schlot“ dazu. Es schien unvorstellbar, hier zu viert wohnen zu können. Ein Bett und zwei Feldbetten standen in diesem Zimmerchen. Zwei ältere Männer brachten einen alten rostigen Ofen, der auch noch in den kleinen Raum gestellt werden musste. Er diente als Kochstelle. Dieses armselige Quartier war nun unser neues Zuhause. Küche, Aufenthaltsraum und Schlafraum in einem für 4 Personen. Wenn alle anwesend waren, konnte man sich kaum rühren. Mutter sagte, es hätte auch Ratten im Schlot gegeben. Die Toilette, „s’Heisl“, war draußen. Wenn man „musste“, musste man bei Wind und Wetter um das Haus herumgehen, um zum Plumsklo zu gelangen. Ich weiß noch, wie meine Brüder mich manchmal im Dunkeln dorthin begleiten mussten, da ich mit meinen 4 1/2 Jahren Angst hatte.

Lamek-Omami wohnte ganz in unserer Nähe. Ernst-Omami und Ernst-Odadi fanden eine Unterkunft am anderen Ende des Ortes Richtung Heiligkreuzsteinach, neben der damaligen Poststelle, etwa 2,5 km von uns entfernt. Um Heizen und Kochen zu können, musste erst Holz im Wald gesammelt und mit dem Handwägelchen heimgeholt werden. Franz und Mami gingen also das erste Mal in ihrem Leben in den Wald um Holz zu holen. Der Förster gab ihnen eine Säge und zeigte ihnen die Stelle, wo sie Holz schlagen durften. Nachdem der Förster gegangen war, sah Mami an anderer, nicht zugewiesener Stelle einen interessanten Baum. Den wollte sie nun haben und sie sägten und sägten. Plötzlich sahen sie den Förster von weitem wieder kommen und liefen schnell an die erlaubte Stelle zurück. „Jesses, wenn der ogsägte Boom jetzt umfällt“, sagte Mami ängstlich zu Franz. Es passierte aber nichts und die Sache ging gut aus.

Wir waren sehr arme Leute geworden, wurden Flüchtlinge genannt, was sehr schmerzlich empfunden wurde. Anfangs bezeichneten manche Einheimische die Flüchtlinge als Zigeuner. Vielleicht wegen der donauschwäbischen Tracht, die die älteren Frauen trugen? Dunkle Kopftücher, eine Art Blusenjacke mit langem Arm, weite, übereinander getragene Röcke, mit einem Band in der Taille zusammengeschnürt, meist alles in schwarz gehalten, so trugen die älteren Frauen in Tscheb und auch hier ihre Kleidung. Unsere Mami trug diese Tracht nicht. Sie ging daheim schon modern gekleidet, ließ sich Röcke, Blusen und hübsche Kleider nähen. Passend für jeden Geldbeutel gab es in Tscheb gute Schneider und Schneiderinnen und natürlich auch einige Schuster, die sehr schöne Schuhe nach Maß von Hand anfertigen konnten. Diese Zeiten waren jetzt vorbei.Das hatte unsere Mami schnell realisiert und die Ärmel hoch gekrempelt. Sie war sich für keine Arbeit zu schade. Ohne den sorgenden Mann, ohne den Vater ihrer drei Kinder, von dem sie immer noch nicht wusste wo er war, musste sie mittellos in der Fremde neu beginnen. Durch ihren Fleiß und ihr freundliches Wesen war sie im Dorf, wo jeder jeden kannte, bald geschätzt. Besonders die Flüchtlinge litten große Not und Hunger. Von den Alliierten Besatzungsmächten gab es ab Mai 1945 in ihren jeweiligen Sektoren neue Lebensmittelkarten (auch Nährmittelkarten genannt). Diese waren, auch von den Einheimischen, im Rathaus abzuholen. Die Rationen an Brot, Fleisch, Fett, Zucker, Kartoffeln, Salz, Kaffee-Ersatz und Tee wurden entsprechend den Möglichkeiten festgelegt. Durch öffentliche Aushänge wurden an den Wochenenden die für die jeweils nächste Woche käuflichen Waren „aufgerufen“. Im Jahre 1950 wurden die Lebensmittelkarten in der Bundesrepublik Deutschland abgeschafft. In diesen Zeiten half auch „Mutter Natur“. In den Sommerferien liefen wir, Mami, meine beiden Brüder und ich, frühmorgens kilometerweit in den Wald und pflückten den ganzen Tag Heidelbeeren. Körbeweise konnten wir sie am Abend in die Annahmestelle tragen und bekamen dafür pro Pfund den Tagespreis, manchmal keine 30 Pfennige. Für die Bucheckern, die wir im Herbst im Wald gelesen haben, erhielten wir in einer Ölmühle in der Gegend Öl. Auf den Feldern haben wir die nach der Ernte liegengebliebenen Ähren aufgelesen und davon gab es Mehl in der Mühle am Ort. Ebenso suchten wir die abgeernteten Kartoffelfelder der Bauern nach liegengebliebenen Kartoffeln ab. Mutter backte selbst das Brot. In Tscheb war sie eine Bäckersfrau und so machte ihr dies keine Mühe.

Wohl ‚einmalig‘ und gewissermaßen ‚privilegiert‘ im Dorf war unsere Situation dadurch, dass wir eine „richtige Tante in Amerika“ hatten. Nach einiger Zeit bekamen wir von ihr regelmäßig „private CARE-Pakete“ mit Lebensmitteln und Kleidern. Darin war auch Bohnenkaffee, der in Deutschland seinerzeit noch weitgehend unbekannt und auch unerschwinglich war. Damit ließ sich im Ort handeln.Eines Tages war auch eine ganz besondere Puppe mit Porzellankopf für die kleine Friedi dabei. Die Schwester meiner Lamek-Omami, die Nanni-Bäsl (Anna Schwindl geb. Reibl), von der die wunderbare Hilfe kam, war in den 20er Jahren mit ihrem Mann, ihrer 1907 in Tscheb geborenen Tochter Katharina und anderen Tschebern nach USA in den Bundesstaat Ohio gegangen und dort inzwischen gut situiert.

1946 gab es mit Seppl, der uns in Welsenhof ein Jahr zuvor fand und der jetzt aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, in Altneudorf ein bewegendes Wiedersehen. Er wohnte einige Wochen bei uns in der Mansarde, bis er in Heidelberg Arbeit in seinem Beruf als Küfer fand. Bald fuhr ein Omnibus von Heidelberg ins Steinachtal. Ich erinnere mich, wie wir uns immer auf den sonntäglichen Besuch von Seppl gefreut haben. Inzwischen wusste unsere Mami, dass unser Daddi sich zuerst in amerikanischer, dann in französischer Gefangenschaft befand und wo er sich aufhielt. Als wir ihn einmal im „Kriegsgefängnis in Germersheim in der Pfalz“ besuchten erkannte ich ihn nicht mehr. Noch genau erinnere ich mich jedoch an die Situation als er uns vis-a-vis hinter einer Barierre stand, und ich nichts von ihm wissen wollte. Ich schrie: „Der Seppi ist mein Daddi, der Seppi ist mein Daddi“. Wie enttäuschend und schmerzlich muss für ihn diese erste Begegnung mit seinem Mädchen nachden schlimmen letzten Jahren und fern der Heimat gewesen sein. Glücklicherweise wurde er im April 1948 aus dem Kriegsgefängnis in Germersheim entlassen. Die Kriegs- und Gefangenschaftserlebnisse hatten physisch und psychisch Spuren hinterlassen. Die anschließende berufliche Neuorientierung war sehr hart für ihn. Doch endlich war die Familie wieder vereint.

Im Herbst 1950 bezogen wir zu fünft imOberdorf in Altneudorf bei der Familie Rehberger eine Neubauwohnung mit zwei Zimmern und Küche. Im Vergleich zu der Dachkammer beim Ehepaar Jöst lebten wir jetzt geradezu in einer Luxuswohnung. Nun konnten auch schon eigene Möbel angeschafft werden. Die Zeiten waren noch schwer, wurden aber stetig besser.

Neue Heimat

Mit Beginn des Wirtschaftswunders in en 50er Jahren änderte sich in Deutschland bald der Alltag für die Menschen. Mit viel Fleiß, harter Arbeit und großen Entbehrungen konnte gemeinschaftlich wieder ein eigenes Haus erschaffen werden. Zwölf Jahre nach der Vertreibung, am 1. September 1956, fand der Einzug statt. Alle Familienmitglieder, die damals mit unserem Fluchtwagen Tscheb verlassen hatten, konnten in das neu erbaute Haus in Neckarsteinach einziehen – bis auf unseren lieben Ernst-Odadi, er fehlte. Wie hatte er sich schon beim Kauf des Baugrundstücks wieder auf ein eigenes Haus gefreut! Am 9. Februar 1953 war er in Altneudorf verstorben. Gute und zufriedene Jahre folgten im Eigenheim, schöne familiäre Zeiten, in denen es bergauf ging und das Leben wieder lebenswert geworden war. Viele Jahre später konnten die Eltern noch ein großes Grundstück mit Obstbäumen erwerben und teilweise als Garten bewirtschaften. Daran hatten sie große Freude. Es machte sie glücklich, viel Zeit im Ruhestand in ihrem schönen großen Garten zu verbringen. Die Ernte belohnte sie für alle Mühen. In Neckarsteinach war die Flucht nun endgültig zu Ende gegangen. Die Großfamilie hatte nicht nur wieder ein eigenes Zuhause, sondern dieses wunderschöne Vierburgenstädtchen, idyllisch am Neckar gelegen, wurde mit den Jahren auch zur zweiten Heimat.

Tscheb an der Donau, der einst so vertraute und geliebte deutsche Heimatort, in dem alle Familienmitglieder geboren worden waren, in dem sich die Menschen kannten, blieb jedoch unvergessen. Dort waren die Wurzeln. Dort war die Familie zu ansehnlichem Wohlstand gelangt. Dort waren viele in die Bäckerei in der Hauptgass‘ gekommen, um werktags „des gudi Brot vum Ernstbeck zu hole“, sonntags gab es Kipfl und Semmeln, und in der Winterzeit backte der Meister die besonderen, „gefrorenen“ Brezeln. Dort kehrte man in der Ernschte Tscharda (bei Haditsch Eva) am Donaudamm ein, brachten viele Leute ihr Getreide in die Kreuzgasse zur „Dampfmühle“, wurden im Herbst inden eigenen Weingärten die Rebsorten für einen guten Tropfen geerntet, konnte man sich in drei Sprachen verständigen. Mutter sagte in Erinnerung an all dies auch noch nach vielen Jahren mit einem Seufzer:

Das war einmal …

Ein sonntäglicher Nachmittagsbesuch bei unseren Eltern in ihren späten Jahren ist mir in wehmütiger Erinnerung geblieben. Damals erzählten sie uns gemeinsam, bewegend wie nie zuvor, von ihrem einstigen Leben in Tscheb in der Hauptgasse. Erinnerungsschmerz und Tränen blieben dabei nicht verborgen. Ich bin sicher, meine Eltern, Großmütter, Großvater und unsere Regin-Besl haben ihr Tscheb bis ans Lebensende in ihren Herzen getragen.


Von Elfriede Korol geb. Ernst, die als Dreijährige die Flucht miterlebte. Gewidmet meinen geliebten Eltern Adam (†1986) und Magdalena Ernst (†2007).