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„Wenn uns jetzt die Oma sehen könnte“


 
Eine Mutter-Tochter-Reise an die Donau – von Natascha Korol

Als Kind habe ich einmal ein Nachbarmädchen gefragt, von wo ihre Oma denn im Krieg geflüchtet sei. Die habe schon immer in unserer süddeutschen Kleinstadt gewohnt, lautete die Antwort. Ich war völlig perplex. Am Küchentisch meiner Großmutter war das Leben in der alten Heimat und die Flucht ein all-gegenwärtiges Thema, und so hatte ich angenommen, dass alle Großeltern mit einem großen Treck nach Deutschland gekommen sein mussten.

35 Jahre später habe ich mich mit meiner Mutter, die in Tscheb geboren wurde und auf der Flucht drei Jahre alt war, ins Flugzeug nach Belgrad gesetzt. Am Flughafen in Empfang genommen hat uns Petar, der Neffe meiner serbischen Patentante Nadja Cernberger. Er war als Teenager oft in Reutlingen gewesen und spricht Deutsch, was ziemlich dobro war, da sich unser Serbisch auf dober dan, hvala und nema problema beschränk-te. Das Aprilwetter war uns hold, und so ging es gleich an die Donau, auf den Kalemegdan und ins Künstlerviertel Skadarlija. Am nächsten Tag machte Petar mit uns eine Stadtrund-fahrt im Regen, mit Zwischenstopps bei der Saborna Crkva und der Sava Kathedrale. Im Anschluss ging es nach Novi Sad zu Györgyi Damjanić und gleich weiter nach Čelarevo, wo wir vier Tage in ihrem frisch renovierten Geburtshaus, dem ehemaligen Haman-Kisch-Haus, wohnten. Dank ihr konnten wir das Pfarrhaus und die katholische Kirche besichtigen, und auch eine Konversation mit Frau Zahorec, der 90-jährigen Besitzerin des ehemaligen Ernst-Hauses, war möglich. Sie führte uns durch die Räumlichkeiten, und so sah ich nicht nur, wo mein Opa, der Ernstbeck, früher gebacken hat, sondern auch das Zimmer, in dem meine Mutter 1941 als Elfriede Ernst das Licht der Welt erblickte.


„Wenn uns jetzt die Oma sehen könnte“, sagte Mama oft auf unserer Reise. Und irgendwie war sie auch mit dabei, die Oma. Einen nostalgi-schen Moment hatte ich zum Beispiel bei der „Paprikafrau“ Veronica Ban-jac, der wir einen kurzen Besuch abstatteten. Sie legte gleich im Tscheber Dialekt los, den ich seit Omas Tod 2007 nicht mehr gehört hatte. Meine Mutter wollte mir über-setzen, aber ich verstand jedes Wort. Oder bei Resi Becker, die auch so schön das ‚R‘ rollte und uns reichlich süßes Gebäck kredenzte. In der Ad-ventszeit hat Oma auch immer zig Sorten Plätzchen gebacken, und ich durfte bei jedem Besuch ein paar Hildabrötchen und Schneebusserl aus der Vorratsbox stibitzen. Neben den traditionellen Faschingskrapfen, die sie auf dem Balkon frittierte, haben wir Kinder am liebsten Krummbiere mit Nudl gegessen; dann saßen wir alle mit tomatensoßenverschmierten Mündern am Küchentisch und haben ihre Kochkünste gelobt (was sie na-türlich sehr mochte). Auch wenn sie meist „wie in der alten Heimat“ kochte und gerne von ihrem Leben in Tscheb sprach, lebte sie doch im Hier und Jetzt. Wenn Oma von der Flucht erzählte, wirkte das auf uns Kinder wie eine Abenteuergeschichte; wir wussten nicht, was es bedeutet, alles aufgeben und wieder bei Null anfan-gen zu müssen.

Am letzten Tag unserer Reise bin ich mit dem Fahrrad durchs Dorf und auf einer von Pappeln und blühenden Rapsfeldern gesäumten Allee Rich-tung Donau gefahren – den gleichen Weg, den Oma sonntags oft mit Ma-ma und ihren Söhnen Franz und Adam entlangspaziert ist.
Ich passierte die Tscharda, in der wir tags zuvor mit Helen und Duško Ga-lonja Fisch gegessen hatten, und fuhr weiter den Damm entlang. Bis zu dem Ort, an dem früher die Tscharda meiner Großeltern gestanden hat, kam ich nicht, der Matsch machte mir einen Strich durch die Rechnung. Bei einem Spaziergang an der Donau konnte ich mir aber gut vorstellen, wie die Tscheber im Sonntagsgewand am Ufer flaniert sind. Die kleinen Häuschen direkt an der Donau moch-te ich besonders; im Sommer muss es hier sehr schön sein.

Unsere Reise ließen wir in Novi Sad ausklingen, wo wir wieder die Gast-freundschaft von Györgyi und ihrem Mann Milan genossen. Hier standen die Festung Petrovaradin und die Wallfahrtskirche Maria Schnee, zu der Oma mit ihrer Schwiegermutter gepilgert war, auf dem Programm. Noch interessanter aber fand ich die vielen Gespräche mit Györgyi, durch die ich vieles verstanden habe. Wie wichtig es meinen Vorfahren war, ein Haus zu besitzen zum Beispiel. Dass eine Heirat auch Versorgung bedeu-tete. Und auch, welche Spuren der Sozialismus und die Kriege in den 1990er-Jahren im heutigen Serbien hinterlassen haben. Kriege, die ich als Teenager zwar bewusst wahrgenom-men habe, die aber weit weg von meinem Leben in Deutschland statt-gefunden haben. Heute weiß ich, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, in Frieden aufgewachsen zu sein.


Bild links: Elfriede Korol im Innenhof des ehemaligen Ernst-Anwesen
Bild rechts: Abschied – Frau Zahorec und Natascha, die Enkelin von Adam und Magdalena Ernst (Ernstbeck und Frau)
                                                                                                                                                                                                                          

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